Auf nach Verona
Liebe Marienhof-Besucher,
ich habe gar nicht viel Zeit, denn gleich geht mein Flieger nach Verona. Stellen Sie sich vor, Frank und Lisa haben mir eine Kurz-Reise zu den Opernfestspielen geschenkt, damit ich auf andere Gedanken komme und mir überlege, wie es mit mir und meiner Rente auf Probe weitergeht. Es ist wirklich schön, eine Familie zu haben, die einem beisteht, wenn es mal nicht so rund läuft. Und rund läuft es momentan absolut nicht.
Nachdem ich mir vorgenommen hatte, mal auszuprobieren, wie sich das Rentendasein so anfühlt, dachte ich, ich könnte endlich alles tun, wovon man immer geträumt hat, aber nie Zeit dazu hatte: lesen, Sprachen lernen, lange Spaziergänge, reisen … Dass es ein so böses Erwachen gibt, hätte ich mir dagegen nicht träumen lassen. Da habe ich mein ganzes Leben geschuftet und nun stehe ich mit knapp 600 Euro im Monat da. Davon kann man keine großen Sprünge machen, geschweige denn Reisen. Die Ironie des Schicksals ist, ich habe sogar noch Glück, dass ich schon zu den älteren Semestern gehöre und mein Renteneinstiegsalter nur bei 65 liegt. Alle, die später geboren sind, dürfen ja erst mit 67 in Rente gehen. Und für jeden Monat, den man früher in Rente will, werden einem 0,3% abgezogen!
Naja, es bringt jetzt nichts, darüber zu lamentieren. Ich werde mir ein paar schöne Tage in Verona machen. Dort kann ich dann mit etwas Abstand und in aller Ruhe überlegen, wie es mit mir und der Versuchung, früher Rente zu beantragen, weitergehen soll. Soll ich das wirklich machen oder können Frederik und ich das W@sche-On-Line nochmal so in Schwung bringen, damit wir wieder beide davon leben können?
Für Vorschläge bin ich gerne offen.
So, jetzt muss ich aber wirklich los. Verona, ich komme!
Liebe Grüße
Eure Inge
leider habe ich gar keine guten Neuigkeiten. Mir ging es ja schon letzte Woche ziemlich mies, aber jetzt liege ich im Krankenhaus auf der Isolierstation. Tja, die ganze Sache ist viel schlimmer, als zuerst angenommen. Stellen Sie sich vor, es handelt sich um einen bisher unbekannten Virus! Auch Sülo und Marlon sind inzwischen erkrankt. Meine Lisa, Toni, Nic und das ganze Personal arbeiten rund um die Uhr, um etwas über das mysteriöse Virus heraus zu bekommen. Erst als Frida eingeliefert wurde, war klar, das Virus stammt aus Asien und hat dort schon zu erheblichen Todesfällen geführt. Was wird nun aus uns Infizierten? Wir sind ja auch eine Gefahr für das Krankenhauspersonal? Und wie viele dort draußen wurden wohl noch angesteckt? Lisa versucht, uns zu beruhigen. Aber ich kenne sie zu gut, um nicht zu merken, wie viele Sorgen sie sich wirklich macht. Und so mache ich mir wiederum Sorgen, ob unser Leben in Gefahr ist? Ich darf gar nicht daran denken, wenn Sülo was passiert. Dann stünde der arme kleine Bruno auch noch ohne Vater da. Es ist gar nicht auszudenken. Wir versuchen hier drinnen alle die Nerven zu behalten, aber ich muss zugeben, es ist nicht einfach. Heute Nacht habe ich mir heimlich eine Zeitung besorgt und mein Horoskop gelesen. Eine harte Prüfung soll mir bevorstehen. Eine Prüfung, die mir sehr viel Kraft abverlangen wird. Wird es uns schlechter gehen? Muss jemand sterben? Ich hoffe für uns alle, dass Lisa und ihre Kollegen uns rechtzeitig helfen können. Ihnen allen also eine gute Gesundheit,
ganz oft im Leben hat man das glückliche Gefühl, dass das Leben sich schicksalhaft zusammenfügt wie passende Puzzlesteine: Man lernt die große Liebe kennen, man übersteht eine schwere Krankheit, Geldsegen beschwert uns einen unbeschwerten Alltag oder man verbringt einfach einen schönen Tag mit der Familie und lieben Freunden. Und manchmal jedoch, liegen vor einem nur die Puzzlesteine, die einfach nicht zusammen gehören wollen. Wo sich nichts fügt, wo das Geschehen keinen Sinn ergibt. Diese Zeit hat den Marienhof heimgesucht. Amelies Tod hat emotionales Chaos angerichtet und uns große Trauer gebracht. Marlon hat seine Liebe verloren, David seine Schwester, Toni ihre beste Freundin und wir alle Amelies sonniges Gemüt, welches sie mit sich genommen hat. Und trotzdem liegt in der Vorstellung, das Leben sei ein Puzzle, ein friedlicher Gedanke: Wenn man lange genug die Einzelteile sortiert und genau hinschaut, um zu sehen, welche zusammen passen und welche nicht, lichtet sich das Chaos. Das Zusammensetzen wird wieder leichter und auch wenn man es am Anfang nicht gedacht hätte, am Ende entsteht ein schönes Bild. So wird es uns auch gehen, wir werden wieder durchblicken und uns von der Trauer befreien können. Und unser Herz ist um vieles reicher, denn Amelie hat uns ein Stück begleitet. Und vielleicht war es längst an der Zeit, dass sie mit ihrem sonnigen Gemüt andere traurige Welten wieder zum Lachen bringt.